Die unerträgliche Leidensfähigkeit des Manns-Seins


by Uli Döring

Frage: Warum spielen Männer bei der kleinsten Kleinigkeit den sterbenden Schwan?  

Männer: Perfekt funktionierende Organismen. Egal, ob im Job, in der Kneipe, vor dem TV oder im Stadion. Von der Evolution auserkoren zum Jäger und Sammler, zum Ernährer und dazu verdammt, seine Gene in die Welt hinaus zu tragen.

Perfekt funktionierende und äußerst missverstandene Organismen. Einem weit verbreiteten Irrglauben zufolge spielen Männer nämlich bereits beim kleinsten Wehwehchen den „sterbenden Schwan“. Schwachsinn.

Das mag vielleicht manchmal so aussehen. In Wirklichkeit ist dies jedoch nur der Beweis für die Selbstlosigkeit und Tapferkeit des Mannes. Beleg dafür, wie sehr der Mann sich die Rolle zueigen gemacht hat, die ihm die Evolution in all ihrer Unerbittlichkeit zugeteilt hat. Mit all den Fasern seines Wesens trägt er diese Bürde. Man muss nur verstehen, welch komplexe Vorgänge im Mann ablaufen. Schauen wir einfach mal etwas genauer hin.

Warnhinweise

Bereits beim kleinsten Anzeichen einer Erkältung setzt sich ein hochkomplexes System in Gang, das sich im Laufe der Jahrtausende regelrecht perfektioniert hat. Einzig, um der Rolle des Beschützers gerecht zu werden. Ein leichtes Kratzen im Hals, ein triefendes Näschen, ein leichtes Hüsteln: All das reicht schon aus, um ein perfekt funktionierendes Frühwarnsystem anzustoßen.

Natürlich würde der Mann jetzt normalerweise der inneren Stimme folgen, die seinem urwüchsigem Naturell entspricht und ihm aufmunternd zuruft: „Sei stark, Egon!“ So war es sehr wahrscheinlich auch noch bei den Neandertalern, die aus gutem Grund ausgestorben sind. Nämlich deshalb, weil sie diese kleinen Anzeichen eben nicht ernst genommen haben. Und sich keiner bei dem Namen „Egon“ angesprochen fühlte.

Doch heute setzen eben jene angesprochene Schutzmechanismen ein. Sofort wird klar, dass etwas nicht stimmt. Panikartig macht ein interner Funkspruch die Runde und versetzt alles in Alarmbereitschaft:

„Husten! Wir haben ein Problem!“

Unmittelbar setzt sich so etwas wie ein innerer Krisenstab zusammen, eine Art Task-Force zur Erhaltung der eigenen Linie, und beginnt das Problem zu analysieren.

Aus dem Leben eines Verdrängers

Dem Urtrieb nach ist der Mann ja ein großer Verdränger. Er verdrängt so ziemlich alles, was da ist: Dreckiges Geschirr, Eheprobleme, Ehefrauen…einfach alles. Und natürlich würde er auch den Anflug einer Erkältung Verdrängen. Nicht umsonst geht der Mann erst zum Arzt, wenn er im Grunde schon klinisch tot ist. Aus reiner Sorge, Gewissheit zu erlangen, wie schlimm es um ihn steht. Er würde es nicht ertragen, dass ein Arzt in einem tuntigen Kittelchen ihm sagt:

„Sie können Ihrer Rolle als Ernährer und Beschützer künftig nicht mehr nachkommen. Ihre Familie ist zum Tode verurteilt. Sie wird grausam sterben. Frau, Kinder, Eltern – alle. Natürlich werden auch ihre Freunde ohne sie vereinsamen und elend dahinsiechen und verrecken. Und ich muss wohl nicht erwähnen: Ihr Lieblingsverein wird ohne ihre Unterstützung absteigen. Und grausam sterben. Sie widern mich wirklich an, Sie Egoistenschwein. Wahrscheinlich haben Sie die ganze Menschheit zum Tode verurteilt. Haben sie mal darüber nachgedacht, was Sie der Volkswirtschaft antun? Ich kann nur sagen: Toll gemacht – Sie VERSAGER!“

Warum müssen diese verfluchten Ärzte bloß immer so gnadenlos direkt sein?

Doch soweit muss es nicht kommen. Denn der innere Krisenstab tagt ja dankenswerter Weise bereits und scheint Herr der Lage zu sein. Der Vorsitzende des Stabes betritt das Rednerpult.

„Meine Herren: Danke, dass Sie so zahlreich erschienen sind.“ (Wo sollten sie auch hin?)

„Ich will Ihnen keine Angst machen. Es könnte eine leichte Erkältung sein. Aber…“

Der Vorsitzende macht eine effektvolle Pause und schaut über den Rand seiner Brille.

„…möglicherweise ist die Lage aber auch sehr ernst. Wir dürfen die Signale nicht unterschätzen!“

Der Mann kennt das nämlich aus dem Fußball. Ich sag nur DFB-Pokal. Ein Bundesligaverein tritt gegen einen Verbandsligisten an. Der Trainer beschwört: Es gibt keine „Kleinen“ mehr blablabla wir dürfen den Gegner nicht unterschätzen blablabla. Und was passiert?

Der Bundesligaverein – natürlich bestehend aus lauter Männern – verdrängt die Warnungen kurzerhand und wird heraus gekickt. Braucht Mann noch mehr Beweise, wie wichtig es ist, die kleinen Signale ernst zu nehmen?

Innere Dialoge

In einer solchen Situation hat der Mann natürlich diese verhängnisvollen Pokalspiele ganz genau vor Augen. Er hört seinem inneren Krisenstab mit größtmöglicher Aufmerksamkeit zu. Ja, es könnte ernst um ihn stehen….was, wenn das nicht bloß eine leichte Erkältung ist? Sondern die Vogelgrippe? Pest? Cholera? Was passiert dann nur mit seinem armen, armen Weib? Und seinem nicht geborenen Kind? (Kinder wollte er natürlich nie. Aus weiser Voraussicht. Wegen Situationen wie der jetzt….verdammt….ER HATTE ES DOCH IMMER GEAHNT, DASS ES MAL SO ENDEN WÜRDE!!! Jetzt blickte er sehr wahrscheinlich dem Tod ins Auge. Niemals hätte er seinem Kind dieser Situation aussetzen können…ganz egal, ob er es hin und wieder hätte losschicken können, um für ihn Kippen zu holen.)

Dann setzt das Gewissen ein (ja, liebe Frauen, ein Gewissen). Hätte er seiner Alten doch öfter gesagt, dass er sie liebt. Ach. In dieser Situation sollte er vielleicht aufhören, seine Alte „Alte“ zu nennen. Frau, seinetwegen.

Der innere Krisenstab des Mannes hat zwischenzeitlich einen Notfallplan ausgearbeitet. „Schon Dich! Mit der Situation ist möglicherweise nicht zu spaßen!“

Sehr witzig, denkt sich der Mann. Das weiß er auch selbst, dass mit dem Tod nicht zu spaßen ist. Er sagt sich: Du solltest deine Angehörigen schonend darauf vorbereiten. Darauf, dass Du bald nicht mehr da sein wirst. Dahingerafft von einer bösartigen Mutantengrippe, die allmählich das Gehirn zerfrisst.

Der tapfere Mann und seine unsensible Frau

Es ist doch völlig klar, dass solche Grenzsituationen an der Mimik des Menschen nicht spurlos vorüber gehen. Natürlich macht der Mann, gesteuert vom Erhaltungstrieb seiner Familie, in diesem Moment ein leidendes Gesicht. Er will das ja gar nicht. Eigentlich leidet er nur leise und tapfer vor sich hin. Die ganze Bürde der Gewissheit lastet auf seinen starken Schultern. Und wenn ihm hin und wieder ein kleiner Seufzer entfleucht, ist das nicht mehr oder weniger als reine Selbstbeherrschung, angesichts der inneren Kämpfe, die in ihm toben.

Jeder andere (also Frauen) hätte hysterisch geschrieen.

Natürlich ist der Mann in dieser Situation darauf bedacht, genau hinzuschauen, ob die Frau sein Leiden bemerkt. Wozu hätte Gott dem Menschen sonst eine Mimik geben sollen, wenn sie niemand wahrnimmt?

Die Frau ist scheinbar ins Wäschelegen vertieft.

Naja, gut. Muss ja auch gemacht werden, denkt er sich. Dennoch…ein bisschen Aufmerksamkeit dürfte schon sein. Gerne auch etwas Mitleid. Und Dankbarkeit.

Schließlich macht er das alles für sie. Und außerdem – an dieser Stelle kämpft er mit den Tränen – seine besten Jahre hat er ihr geopfert.

„Alles klar bei Dir?“, fragt die Alte, die beim Wäschelegen den Todeskampf bemerkt haben muss. Komisch, wo er das so gut verborgen hat. Mit tränenunterdrückter Stimme und unter schwerstem Leiden krächzt der Ernährer:

„Jahahaha…HUSTHUSTHUST!“

Die Alte mustert ihn. „Du scheinst `ne Erkältung auszubrüten. Am besten legst Du dich was hin.“

Jaja, denkt der Mann sich an dieser Stelle. Glaub nur, es sei eine einfache Erkältung. Es würde dich nur aufregen, die ganze Wahrheit zu kennen. Ja. Am besten lege ich mich was hin – HUSTHUST!!! Hätte ich doch bloß einen Thronfolger, der meine Linie fortführt.

Der Mann denkt sich: Vielleicht sollte er noch etwas sagen? Er bündelt all seine Kräfte und haucht:

„Schatz?“

Schatz: „Hmm?“

Das folgende ist aufgrund der Heiserkeit kaum zu verstehen – doch der Schatz schafft es trotzdem. Ein Hoch auf die weibliche Intuition.

„Kannst Du mir einen Tee bringen?“

„Hast Du dir die Arme gebrochen? Mach Dir selbst einen! Und morgen gehst Du zum Arzt!“

Gut. Kein Tee. Ja. Es ist gut so. Sei lieber verärgert. Das ist besser, als in Gram zu verfallen und sich Vorwürfe zu machen… du armes, armes Weiblein. Tapfer krächzt er:

„Wegen der Kleinigkeit geh ich doch nicht zum Arzt!“ Lieber will er auf dem freien Feld sterben, als dahinzusiechen an einem Tropf.

*

Beim Arzt.

Das Wartezimmer ist voll. Dort kämpft der Mann seinen letzten, stillen Kampf, während er spürt, wie die Lebensenergie aus ihm entweicht. Er findet es gut, dass er seiner Alten – Herrgott, immer dieses Wort – nicht hat anmerken lassen, wie es wirklich um ihn steht. Ja: Darauf kann er stolz sein.

Während er leise leidet und sein Leben Revue passieren lässt, bemerkt er, wie einige andere Patienten scheinbar über ihn tuscheln. Es ist wie im Tierreich: Instinktiv scheinen sie sein hartes Los zu spüren. Was für ein tapferer, tapferer Mann!

Als der tapfere Mann von einer gut gebauten, blonden Arzthelferin ins Sprechzimmer gebeten wird, spürt er noch einmal kurz, wie sich ein letzter Rest von Lebensenergie in ihm aufbäumt.

Halloooo, denkt er sich, sehen so Engel aus? Aber, wenn er ehrlich ist: Alles in allem ist das wie ein Gang zum Schafott. Das war also Dein Leben, denkt er sich.

„Sie haben `ne leichte Erkältung“, sagt der Arzt. „Bleiben Sie am besten mal zwei Tage zu Hause.“ Warum müssen diese verfluchten Ärzte bloß immer so gnadenlos direkt sein?

*

Nun…der innere Krisenstab gibt Entwarnung und lässt die Champagnerkorken knallen. Das ist gerade noch mal gut gegangen! Die innere Kubakrise ist überstanden. Für heute haben die Krisenmanager des Mannes ganze Arbeit geleistet.

Zu Hause erwartet den Mann bereits seine Alte. „Na? Wie lange hast Du noch?“

Ach halt´s Maul, Alte…

 

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