Das Geheimnis der weiblichen Fingernägel


by Claudia Behr

Frage: Was haben die Frauen nur immer mit ihren Fingernägeln und warum lackieren sie sie ständig?

Ja, ich bin ein bekennender Nageljunkie. Heidi ist Schuld. Ganz klar. Hätte sie ihre Mädchen in den diversen Staffeln von Germanys Next Topmodel nicht immer für gepflegte Hände und Füße sensibilisiert und hätte nicht so manches Mädchen zuerst beschämt in die Kamera und später zu Boden geschaut, um am nächsten Tag sofort ins Nagelstudio zu rennen…wer weiß, was aus den ganzen Fingernägeln geworden wäre.

Waren früher künstliche Fingernägel und das entsprechende, spezielle Nageldesign eher ein Hinweis auf eine prollige Herkunft und einen furchtbaren Geschmack, so kann es heute gar nicht schrecklich genug sein: Kleine Grablichter auf den Fingern (klassisch roter Nagellack, mit Goldrand an den Fingerkuppen), bunte Steinchen, Ringe durch den Nagel oder der letzte Schrei: die sogenannten MINXnails. Das sind künstliche Nägel, die von kreativem Design nur so strotzen. Den Finger- und Fußnägeln werden keine Grenzen gesetzt. Immer wenn man meint, schlimmer geht’s nicht, wird man eines Besseren belehrt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es nicht noch mehr Nagelstudios gibt. Denn laut der offiziellen Statistik gibt es so viele Mädels, die sich tagtäglich ihre Nägel lackieren, da sollte es doch auch viel mehr professionelle Studios geben. Der Bedarf ist allemal vorhanden.

Es gibt ja solche und solche Studios. In solchen Studios kann es durchaus passieren, dass man dümmer herausgeht als man hineingegangen ist. Vermutlich liegt das an dem chemischen Lack- und Klebegeruch. Komisch, dass abhängige Tütenschnüffler sich noch nicht mit Nageldesign selbstständig gemacht haben. Denn dann könnten sie ihre Sucht offen und ausgiebig ausleben. Jeder würde es verstehen und vor allem: Keiner würde es merken.

In solchen Nagelstudios darf man sich nicht wundern, dass eine Frage entweder gar nicht oder mit einem Kopfnicken beantwortet wird. Das liegt daran, dass manche Nagelkünstler der gängigen Sprache nicht mächtig sind bzw. es höchstwahrscheinlich schon wären, sie sich aber nur sehr undeutlich und rudimentär artikulieren können. In diesem Fall ist es ratsam, die nonverbale Kommunikation genauestens zu studieren oder im Internet nach der Antwort zu suchen. Oder ein teureres Nagelstudio in Erwägung ziehen.

Nichtsdestotrotz: Falsche Fingernägel sind himmlisch. Man muss sich viel weniger mit der nervigen Nagelpflege auseinandersetzen. Keine Ahnung, wie andere Frauen das sehen, aber jahrelang habe ich die Nagelpflege (kürzen, feilen, pflegen) vor mich hingeschoben, habe meine Nägel so kurz gemacht, das allein der Anblick schon wehtat, um mich dann zu fragen, weshalb meine Hände im Vergleich zu anderen Frauenhänden wie Kinderhände wirken.

Immer habe ich mir eingeredet, dass meine Hände eine Lackierung nicht vertragen, da es dann aussehen würde, als hätte eine Fünfjährige sich die Hände mit Filzstift angemalt. Nun, die  Wahrheit ist: Es lag gar nicht an der runden Form meiner Nägel, sondern an ihrer nicht vorhandenen Länge.

Als ich dank Heidi auf die Idee kam, ich könnte es auch mal mit längeren, natürlichen Nägeln und Nagellack probieren, war ich dem Wahnsinn nahe. Natürlich gewachsene Nägel können, wenn man unvorsichtig ist, abbrechen! Das Nägellackieren will gelernt oder zumindest geübt sein! Und dafür braucht man verdammt viel Geduld und Muße.

Mein erster Lack schlug Bläschen, stundenlang durfte ich mich nicht bewegen, immer musste man mir die Tür aufhalten, in die Jacke helfen, Geld vorstrecken (klar, mit frisch lackierten Nägeln kann man definitiv nicht nach Kleingeld suchen) und jeder Mann sollte natürlich genügend Verständnis für meine Situation aufbringen. Ja, ich hatte das Zeug zu einer wahren Tussi und das Glück, geduldige Männer zu kennen. Im Nachhinein glaube ich, dass einige, obwohl sie gern so taten, als seien sie von meinen Starallüren genervt, es schon ziemlich toll fanden, dass sie mir endlich beweisen konnten, was für charmante Kavaliere sie doch waren und wie großartig es war, dass ich ausgerechnet sie ausgewählt hatte. Tja, was Nägel alles so bewirken können…

Nachdem ich schon einige Lackiererfahrung vorweisen konnte, lackbedingte Nervenzusammenbrüche gemeistert und eine eigene Strategie entwickelt hatte (von den billigen Lacken war ich zu den mittelteuren bis teuren Lacken übergegangen; ich wusste haargenau, welche Chanelfarbe gerade absolut in war. By the way: Diese Nagellacke sind wirklich gut, halten lange und die Farben sind fantastisch. Art Deko reicht aber auch und ist sogar preiswerter als so mancher Nagellack in einem DM-Markt), stellte ich mich einer neuen Herausforderung: French Manicure, die Königsdisziplin. Drei verschiedene Lackfarben, Klebefolie für die Nagelenden, sauberes Lackieren. Seit dieser Zeit bin ich Single.

Was überhaupt nicht schlimm ist, denn der letzte meiner Freunde fragte mich, ob der Nagellack wasserfest sei, was ich mit einem ausgiebigen Wassertest beweisen musste. Er war ziemlich beeindruckt von dieser genialen neuen Technologie und seine fanatische Begeisterung für Lacke machte mir Angst. Zumal er Geisteswissenschaftler war. Praktische Lackiererfahrung zu sammeln ist schön, aber muss man deshalb gleich eine systemtheoretische Grundlage schaffen?

Als weiblicher Single muss man sich – vor allem im Winter – sehr gut organisieren, bevor man sich die Nägel lackiert. Mein persönliches Highlight erreichte ich an Heiligabend, an dem ich, kurz bevor ich losmusste, beschloss, noch mal „schnell“ die Fingernägel zu lackieren. Es war Winter und es herrschten Minusgrade. Dass meine Hände draußen einen Kälteschock erleiden würden, war reine Nebensache. Wer schön sein will, muss eben leiden. Gibt es eigentlich einen einzigen Mann auf dieser Welt, der diesen Spruch jemals von seiner Mutter oder sonst wem zu hören bekommen hat?

DAS ist gutes Nagellack-Management

1. Frühzeitig mit den Nägeln anfangen. Niemals spontan oder auf den letzten Drücker starten.

2. Alle Taschen, Schlüssel und diverse Kleinsachen müssen fertig gepackt sein und mit einem möglichst langen Henkel versehen sein.

2. Jacken, Mütze und Schal vorher anziehen (auch wenn es in der beheizten Wohnung schweineheiß ist).

3. Auf das obligatorische Tür abschließen sollte man dieses eine Mal verzichten und die Türen, Türklinken etc. allesamt vorsichtshalber offen lassen.

4. Eingepackt in warmer Kleidung kann man sich dann vorsichtig an den Tisch setzen und mit dem Lackieren beginnen.

5. Handy klingeln ignorieren, denn das ist tief unten in der bereits präparierten Tasche.

6. Nach dem Lackieren ein paar Minuten warten und dann vorsichtig die Tasche mit dem langen Henkel über die Armbeuge streifen.

7. Losgehen. Türe vorsichtig schließen, im Treppenhaus das Gleichgewicht halten, damit die Tasche nicht verrutscht, sich NICHT durch die Haare fahren. Haustür öffnen.

8. Hände schön vor sich herschieben und aufgrund der Eiseskälte handbezogen kein Weichei sein.

9. In die Bahn steigen und KEIN Ticket ziehen. Hoffen, dass, wenn überhaupt ein Schaffner kommt, es eine Schaffnerin ist. Denn jede Frau hat vollstes Verständnis dafür, dass man sich die Nägel doch nicht ruinieren kann, nur um ein schnödes Ticket zu kaufen.

10. Wenn es nicht anders geht, sollte man einen Fahrgast bitten, dass er vorsichtig das Portemonnaie aus der Tasche holt und einen Fahrschein zieht. Erfahrungsgemäß sind Frauen hier viel hilfsbereiter und verständnisvoller als Männer. Denn sie wissen, was es für ein Stress sein kann, wenn man sich einen Nagel kaputt macht. Männer nehmen in dieser Hinsicht eher die Haltung kopfschüttelnder, grinsender Voyeure ein. Sie sind hier überhaupt keine Hilfe.

11. Geht man in eine katholische Kirche, muss man sich beim Händeschütteln eben weigern, nett und höflich zu seinen Mitmenschen zu sein. Scheiß auf den Friedenswunsch. Fingernägel gehen vor!!!

12. Nicht enttäuscht sein, wenn der Lack sämtliche Temperaturunterschiede zwischen überhitzter Wärme und Eiseskälte nicht verträgt und anfängt zu schrumpeln. Im schlimmsten Fall gibt es noch den Nagellackentferner.

Merke: Jede Frau, die sich an Weihnachten die Fingernägel lackiert, sollte sich auch immer proforma einen Nagellack und einen Nagellackentferner wünschen. Nur für den Fall, dass nach dem Kälteschock, dem Kirchgang oder aufgrund der vielen Umarmungen die alte Lackierung hinüber ist.

Man mag über Frauen, die sich die Nägel lackieren, schimpfen, man mag sie für Tussis halten, ihnen Zickenhaftigkeit vorwerfen. Frauen mit falschen Nägeln wird oft unterstellt, dass sie dumm sind. Dabei ist (von einigen Ausnahmen abgesehen) das Gegenteil der Fall: Künstliche Fingernägel wirken automatisch gepflegt, ohne dass man etwas dafür tun muss. Sie brechen nicht ab, bleiben sauber (zumindest äußerlich) und lassen sich genial lackieren. Sicherlich bereitet es einige Schwierigkeiten, wenn man etwas aufknibbeln will, aber dann muss man erfinderisch sein. Ja, es stimmt, künstliche Fingernägel machen kreativ!

Übrigens sind Sekretärinnen absolut clever, wenn sie sich vor dem stundenlangen Tippen die Nägel lackieren. Denn beim Tippen läuft niemand Gefahr, sich die frisch lackierten Fingernägel zu ruinieren. Mädels, denkt mal darüber nach. Tippt seitenlange Briefe, postet jeden Status eurer Nägel bei Facebook, gründet Nagelcommunities, tippt Gebrauchsanweisungen ab…macht alles, damit die Nägel ordentlich trocknen können. Sie werden es euch danken.

Und falls die Männer der Schöpfung noch immer nicht überzeugt sind: Nutzt eure Phantasie! Stellt euch vor, der Nagellack an den Händen eurer Freundin ist in Wahrheit ein Teil des Lacks an eurem Auto. Würdet ihr nicht auch bei jedem minimalen Kratzer ausrasten und verzweifelt zusammenbrechen? Würde nicht jeder Mann schockiert und verzweifelt zu Boden sinken, wenn er eine minimale, rostige Schramme an seinem Liebling, seinem Baby, seinem Ein und Alles, entdecken würde? Wäre diese nicht einem Krater ähnlich riesig? Würde das Auto nicht unsäglich unter diesem verschandelten Erscheinungsbild leiden und sich am Liebsten weigern, auch nur einen Meter zu fahren? Wundert es irgendjemanden, dass so manch Autobesitzer dazu neigt, depressiv zusammenzubrechen, weil eine blöde Narbe das Auto zerstört hat? Nein. Wer hätte dafür kein Verständnis? Eben. Warum sollte es den Frauen anders mit ihren Nägeln gehen?

Bitte Jungs, denkt immer dran: Euer Autolack ist der Nagellack an den Händen eurer Frauen. Zeigt Verständnis für alle vorprogrammierten Lackdepressionen, lästert niemals über künstliche Fingernägel und ich verspreche euch: Alles wird gut.

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