Männer und Geschenke – die Geschichte einer Feindschaft


Uli D. packt aus

Frage: Stimmt es, dass es Männern ein Greuel ist, Geschenke zu verpacken?

Ich gestehe. Das ist definitiv der Fall. Leugnen wäre wohl ohnehin zwecklos. Jeder, der schon einmal ein selbstverpacktes Geschenk von mir bekommen hat, weiß das. Monströse Ausgeburten zweier linker Hände. Die Blicke der Beschenkten haben sich in meine Erinnerung eingebrannt: Eine Mischung aus Irritation und Mitleid. So, als hätten sie gerade eine hinkende Taube gesehen.

Hätte ich die Ergebnisse meiner „Verpackungskünste“ über die Jahre fotografiert, dann wüssten Sie, was ich meine. Vermutlich hätte irgendjemand eine künstlerisch wertvolle

Fotoserie, eine flammende Anklage gegen die Konsumgesellschaft, darin gesehen. So verkaufe ich es auch gerne. Als Kunst. Tatsächlich ist es allerdings eher eine flammende Anklage dagegen, dass sich der Brauch des Geschenkeverpackens durchgesetzt hat und Ausdruck meiner Ungeschicklichkeit und meines Desinteresses. Konsumieren tue ich hingegen sehr gerne.

Wer hat`s erfunden?

Männer und Geschenke verpacken – das passt nicht zusammen. Vor jedem Geburtstag und vor jedem Weihnachtsfest beginnt im Manne eine leichte Nervosität, die sich, je näher das Ereignis rückt, zu regelrechten Panikattacken auswächst. So lange wie möglich will er Mann das gesellschaftlich verlangte Ritual des Verpackens hinauszögern. Was man dann häufig auch am Ergebnis sieht. Bei den von mir verpackten Geschenken zumindest. Weiß die Gesellschaft – man bemerke den weiblichen Artikel „die“ – was sie dem Mann da antut?

Ich frage mich: Wie ist es überhaupt zu diesem Brauch gekommen? Ich meine: Das Christuskind lag ja auch nicht verpackt in der Krippe. Und die heiligen drei Könige? Hatten die ihre Gaben verpackt? Ist es physikalisch überhaupt möglich, Weihrauch zu verpacken?

Ich bin mir jedenfalls sicher: Das Verpacken von Geschenken kann nicht von einem Mann erfunden worden sein. Das schließt sich genetisch von vornherein aus. (Randnotiz: Was stimmt mit diesem Christo nicht? Wieso hat dieser Typ den Berliner Reichstag verpackt? Bestimmt wurde er von seiner Frau dazu gezwungen.)

Als Kinder mögen wir Männer es ja noch toll finden, Geschenke auszupacken. Wobei, jetzt, wo ich darüber nachdenke: War das wirklich so elementar? Wurde je ein Paar selbstgestrickter Socken besser durch das Geschenkpapier? Besser als das sündhaft teure Playmobil-Haus, das nie unter dem Weihnachtsbaum stand, obwohl wir alles dafür gegeben haben? Inklusive hysterischer auf-den-Boden-werf-Aktionen und Weinkrämpfen im Spielzeugladen?  Vielleicht soll uns das Geschenkpapier ja bereits in der frühkindlichen Phase auf subtile Weise auf das Leben vorbereiten: Du weißt nie was Du kriegst. Das Playmobil-Haus ist es auf jeden Fall nicht. Aber wenn du selber mal Geld verdienst, kannst du es dir kaufen.

Nun, wenn der Mann den Brauch des Geschenkeverpackens nicht erfunden hat, wird die Auswahl naturgemäß eng. Es muss die Frau gewesen sein. Wahrscheinlich unmittelbar nachdem Eva Adam den Apfel der Erkenntnis überreicht hat. Vermutlich hat sie kurz nochmal innegehalten und ihn schnell noch schön eingepackt.

Mit größtem Unverständnis beobachtet der Mann, mit welcher Hingabe sich Frauen dem Ritual des Verpackens widmen. Sie gehen regelrecht darin auf. Hier noch ein Schleifchen, da noch etwas Glitter. Und sie freuen sich schon abgöttisch auf den Moment des Auspackens. Eine extatische Vorfreude, die sich ohne weiteres über einen Monat hinziehen kann. Alles ist ausgerichtet auf diesen nur einen Moment, an dem der Mann das goldene Papier umständlich auswickelt, vor lauter Glück die Farbe aus seinem Gesicht entweicht und er verliebt säuselt:

„Oh, ein Nasenhaarschneidegerät! Wie schön…“

Und wir Männer? Wir sehen uns heimlich You Tube-Videos wie „Geschenke verpacken Basiswissen“ an, um uns die elementarsten Falttechniken anzueignen, damit das Präsent nicht aussieht wie ein eigewickelter Fisch vom Markt. (Den Moment des Auspackens verdrängen wir übrigens so lange wie es uns irgendwie möglich ist.)

 

Die Papiere, bitte

Seit ich mit einer Frau zusammenlebe, gibt es keinen Mangel an Geschenkpapier mehr, was in meinem Singlehaushalt noch ganz anders war. Damals hieß es noch: Geschenkpapierschnipsel horten oder in letzter Sekunde loslaufen, um irgendwo noch buntes Papier aufzutreiben – sozusagen eine gesellschaftlich erzwungene Fehlinvestition. Aber was tut man nicht alles für`s Bruttosozialprodukt.

Die Geschenkepapierindustrie (schon wieder ein weiblicher Artikel) hat schnell verstanden, wer ihre Zielgruppe ist. Darum gibt es so viel Papier mit Herzen oder Blümchen und so wenig mit Autos, nackten Frauen oder Raumschiffen.

Wenn sie jemals ein nett verpacktes Geschenk von einem Mann bekommen haben: Glauben sie mir, da steckte eine Frau dahinter. Oder Amazon. Auf jeden Fall ein „Ghostpacker“. Männer sind glücklich, dass es Verpackungsservices gibt. (Da hat direkt ein weiterer Industriezweig gemerkt, wer seine Zielgruppe ist. Würde es nicht um die Industrie gehen, würde ich hier anmerken: Die Natur findet einen Weg.)

Interessanterweise scheinen Verkäuferinnen auch intuitiv zu ahnen, wann es sich um ein Geschenk handelt. Bei Büchern, Tassen und Seife werde ich tatsächlich oft gefragt, ob das Produkt verpackt werden soll. Bei Bier ist mir das komischerweise noch nie passiert. Dabei kann Bier ein tolles Geschenk sein.

Blick ins Innere der männlichen Psyche

Wissen Sie, es ist es ja gar nicht so, dass Männer gefühlskalte Arschlöcher sind. (Nicht pausenlos, meine ich. Sie machen ja auch mal Feierabend.) Sie haben einfach kein tieferes Verständnis für den Sinn des Verpackens. Männer sind Pragmatiker und es geht, wie in der Politik, doch um Inhalte! (Ich halte gerade beim Schreiben inne. Hm. Politiker scheinen ein Beleg dafür zu sein, dass manche Männer sich doch etwas aus Verpackungen machen. Ja, Ausreden können wir in der Tat gut verpacken. Sogar mit Schleifchen.) Aber ansonsten: Wenn es ein gutes Geschenk ist, reicht es völlig, wenn es morgens auf dem Frühstückstisch steht und einige rudimentäre Fragen dazu beantwortet werden können.

„Wieviel Hertz hat der Fernseher denn?“

„Hat das Ding `nen Quad-Core Prozessor?“

„Schatz, hast du vorher die Testberichte gelesen und Preisvergleiche gemacht?“

Manchmal reichen aber auch ganz globale Auskünfte:

„Watt kann der denn?“ und „wieviel hat der denn gekostet?“

Vielleicht sind diese Fragen ein Grund dafür, dass Frauen eher selten Plasmafernseher, Smartphones und Notebooks verschenken. Ich nehme an, bei Pullovern/Krawatten, die schlicht und ergreifend „süß aussehen“ fühlen sie sich einfach auskunftsfester.

Apropos, wo wir gerade bei Geld waren: Das Preisschilder abknibbeln ist auch so ein komischer Brauch, den der Mann nicht versteht. Geld ist für den Mann eine objektiv messbare Werteskale (ähnlich wie PS oder Promille), die wunderbar geeignet ist, den Grad der Zuneigung darzustellen. Soll man doch ruhig sehen, wie tief man in die Tasche gegriffen hat. (Mit etwas Geschick kann man auch aus einer 6 eine 8 machen.)

Hauptsache von Herzen

Aber mal ernsthaft: Reicht es nicht, wenn man etwas wirklich Schönes kauft, es irgendwie demonstrativ drapiert und beteuernd murmelt, dass das Geschenk echt von Herzen kommt und es echt teuer und/oder schwer zu besorgen war? Damit wäre doch allen geholfen. (Mit Ausnahme der Geschenkpapierindustrie natürlich.) Man würde sogar ein bisschen den Wald retten.

Ich frage mich: Ist es nicht Liebesbeweis genug, dass wir Männer alljährlich dazu gezwungen werden, Geschenke shoppen zu gehen? Unsere Aufmerksamkeit von den aktuellen Fußballergebnissen zu lösen und uns Gedanken über Geschenke machen zu müssen?

„Boah…watt könnte der Alten denn gefallen? Leck mich am Arsch….datt is schwer.“

Spätestens an diesem Punkt wünscht sich der Mann zuweilen, seiner Partnerin hin und wieder ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Was hatte sie noch gesagt? Ach ja, richtig:

„Blablablabla….Kollegin…blablabla….total unverschämt…..blablabla…süßes Paar Schuhe…blablabla.“

Häufig geistern nur noch derartige Gesprächsfragmente durch das männliche Bewusstsein. Ach, hätten Frauen nur eine Rückspul- und Wiederholungsfunktion.

Mann sucht Geschenk

Das bringt uns zu einem weiteren Aspekt, der die pragmatische Sichtweise des männlichen Geschlechts gut beschreibt: Die Geschenke-Auswahl. Während Frauen sich da sehr viele Gedanken machen und irgendwann zu wissen glauben, was dem Mann gefallen könnte, weil es sehr süß und/oder originell ist, übersehen sie oft die nahliegende Lösung: Zu fragen, was er sich wünscht. (Frauen wären vermutlich erstaunt darüber, wie oft der Wunsch des Mannes aus kleinen Dienstleistungen besteht.)

Wunschzettel könnten in dieser Hinsicht Beziehungen retten. Man kann sie in Ruhe abarbeiten und auch später noch als Beleg, also als Willenserklärung, vorweisen. Das würde auch die Gefahr von Missverständnissen verringern. Und man müsste nicht so oft aufmerksam zuhören bzw. auf versteckte Hinweise und beiläufig verschickte Signale achten. (Das mit den Signalen scheint ja ein beliebtes Spiel der Frauen zu sein. )

Oder wie meine Eltern es machen. Einfach einen Umschlag mit Geld schenken. „Kauf Dir was Schönes!“ Ich glaube, in diesem sehr praktischen Geschenk zeigt sich die große Lebensweisheit meiner Eltern. Eine nahezu buddhistische Reduktion auf das Wesentliche. Allein wieviel Zeit man spart, durch den Wegfall des Zuhörens, des Überlegens, des Einpackens und des Auspackens. Phänomenal!

Ja, ich glaube, der Mann hätte nicht viel dagegen, Weihnachten zu einem Austausch von Briefumschlägen mit Geldscheinen zu machen. Aus Gründen der Romantik könnten diese ja parfümiert sein. Oder man steckt sich die Geldumschläge gegenseitig in den Ausschnitt. Bei manchen Frauen kommt das sehr gut an. Hab ich in Filmen gesehen.

Männliche Weihnacht

Oh. Irgendwie bin ich jetzt bei Weihnachten gelandet. Sowas! Na, wenn wir schon mal da sind, dann bleiben wir auch hier.  Wie stehen wir Männer zu Weihnachten?

Natürlich lieben wir es. Ja. Auch die Familienbesuche. Endlich hat man da mal Zeit, alle zu sehen und miteinander zu reden. Da hat man ja sonst im Jahr kaum mal Gelegenheit zu. Und einander zu zeigen, wieviel man sich bedeutet. Soweit die offizielle Version.

Doch der feuchte Weihnachtstraum des Mannes ist ein anderer: Sich in Ruhe und völlig ungestört zuzulöten. Allein mit einem Kasten Bier, in Unterhosen. Am Weihnachtsfeiertag gibt’s vielleicht englischen Fußball im TV.

Die Wirklichkeit sieht natürlich ganz anders aus, wir alle wissen das. Aber wenn der Mann einen Wunsch zu Weihnachten hätte: Das wäre er. Ganz egal, was er behauptet.

Fazit

Wenn Sie Ihrem Mann zu Weihnachten eine wirkliche Freude machen wollen, dann wissen sie jetzt Bescheid. Stellen Sie ihm das Geschenk einfach unverpackt, aber mit der Bedienungsanleitung und Kassenbon auf den Frühstückstisch oder in den Flur und legen Sie dem Mann was zu essen in die Mikrowelle. Egal, was er sagen mag, wie sehr er beteuern oder beschwören mag, dass dies doch überhaupt nicht sein Wunsch sei – glauben Sie mir: So können Sie ihm zeigen, wie viel er Ihnen bedeutet. Und noch dazu, wie gut sie ihn kennen. Natürlich werden Sie schon eine viel bessere und süßere Geschenkidee haben, na klar. Doch glauben Sie mir: Das ist das ultimative Geschenk für den Mann. In diesem Sinne: Ein frohes Fest!

P.S.: Falls meine Freundin das liest: Mein lieber Schatz, das gilt natürlich nicht für mich. Ich schwöre!

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