Männer und ihre Selbstüberschätzung beim Kochen


Frage: Warum glauben manche Männer, die grottenschlecht kochen (und es definitiv niemals zu etwas Genießbarem bringen), dass sie die Frauen mit einer quasi erzwungenen Einladung zum selbst gekochtem Essen verführen können?

Ein männlicher Erklärungsversuch –  von Uli Döring

Hm. Eigentlich untersuchen wir ja die Klischees und Sichtweisen der Geschlechter. Aber dies hier? Dies könnte man als eine bösartige Unterstellung betrachten. Doch soweit will ich nicht gehen. Vielleicht eher ein sehr individuelles Erlebnis mit einem sehr speziellen Exemplar meiner Geschlechtsgenossen.

Ich will kein Spielverderber sein. Schließlich haben wie hier einen willkommenen Anlass, die Geschichte zweier natürlicher Todfeinde zu beleuchten: Den Mann und den Herd. Wie kommt der Mann dazu, die von der Natur zugedachte Rolle als Jäger abzulegen und vom Schürzenjäger zum Schürzenträger zu mutieren? Die Antwort ist vordergründig einfach: Sex.

Aber hinter den Kulissen – sozusagen tief in den brodelnden Kesseln der evolutionären Ursuppe männlicher Gehirnwindungen – steckt natürlich noch viel mehr. Die Gewürze, die dieser These erst den Geschmack verleihen – oder sie versalzen.

Bei meinen Erklärungsversuchen schweife ich ja gerne ab in die Vergangenheit. Das ist auch gut so, denn die Antworten auf viele Fragen finden sich in den Irrungen und Wirrungen der Evolution. Im undurchsichtigen Eintopf der Geschichte sozusagen. Hätte Adam Evas Apfel genommen, wenn er sich einen leckeren Sauerbraten hätte zubereiten können? Könnten wir noch im Paradies leben? An einem Ort, wo Männer kochen können? Und Eva einen Sauerbraten zubereitet? Huch, ein Paradoxon! Ist wohl doch etwas zu weit zurück in der Geschichte. Nehmen wir etwas, das wir selbst begreifen können. Die nähere Vergangenheit.

 

Aus dem Kochbuch der Geschichte

1950 so in etwa. Deutschland war schwarzweiß. Die Rollenverteilung war klar. Die Frau stand am Herd. Der Mann war mit scheinbar wichtigeren Dingen beschäftigt. Wenige Jahre zuvor hatte er noch zuviel damit zu tun, der Welt den totalen Krieg zu erklären. In der Nachbetrachtung muss man sagen: Das war eine klassische Fehlplanung. Hätte er doch lieber der Welt das perfekte Steak erklärt. Aber wie hätte er das tun sollen? Er verstand ja nichts vom Steak. Nur von Kriegen. (Aber nicht vom Kinderkriegen, wohlgemerkt).

Jedenfalls, so um die 50er Jahre erholte sich die Welt noch von den Nachwehen. Der Mann hatte leider die Zeit fatalerweise im Krieg verbringen müssen. Er hätte sie besser in das intensive Studium der Kochkünste investiert, wie wir heute wissen. Und aktuell war der Mann damit beschäftigt, die Wirtschaft im Nachkriegsdeutschland wieder anzukurbeln. Es blieb bei der Rollenverteilung. Die Frau war am Herd – der Mann war in der Wirtschaft. Der Mann wusste: Er brauchte seine Frau. Denn fiel die Frau mal aus, weil sie schon wieder schwanger war oder so, war er dem Tode geweiht.

Wie groß muss die Freude gewesen sein, als der erste Mann das Rätsel des Herdes lüftete? Die geheimnisvolle Quantenphysik des Garens entschlüsselte? Wir wissen nichts über ihn. Doch es muss ihn gegeben haben. Der erste Mann, dem es gelungen war, ein Spiegelei fachgerecht zuzubereiten. Heureka! Ein kleiner Schritt für die Unterhitze. Ein großer Schritt für die Männlichkeit! Der Beginn der Efrauzipation! Und der Stolz! Was muss dieser unbekannte Held der Geschichte empfunden haben?

„Ich kann etwas, was meine Frau kann! Ich bin der Herr über das Feuer! Aber sie kann keinen Rohrbruch reparieren! Wieso bin ich überhaupt noch mit ihr zusammen? Naja. Hab mich halt an sie gewöhnt.“

…die Geburtsstunde der Zweckbeziehung.

So. Wo das jetzt geklärt wäre – ein Sprung in die Neuzeit.

 

Mutproben und Saufgelage

Die Lage hat sich entspannt. Der Mann ist sich unterbewusst bewusst: Er kann heute auch ohne Frau überleben – zur Not. Und mit diesem beruhigenden Wissen wendet er sich wieder den archetypischen männlichen Domänen zu. Sachen, die er wirklich gerne macht: Autos reparieren, Kriege planen und Burn-Out-Syndrome bekommen. Wir müssen nicht kochen, könnten es aber, wenn wir müssten. Praktisch dabei ist unsere kulinarische Genügsamkeit. Wir Männer sind bekennende Allesfresser und haben dadurch die Welt um ein paar großartige Errungenschaften bereichert. Ohne uns würde es Burgershops und Dönerbuden nicht geben. Die Welt würde regiert von… Salatbars. Ein Hoch auf das Acrylamid!

Dennoch kann der Gedanke an die zelebrierten Selbstversorgung eine magische Anziehungskraft auf uns ausüben. Wenn wir echt mal kochen, ist das wie eine Art von Mutprobe. Wie ein erneuter Versuch, in die Domäne des anderen Geschlechts einzudringen. Wie Frauen, die Fußball spielen oder das Land regieren. Ich habe z. B. schon mal mit Freunden gekocht. Experimentelles kochen. Wir machen heute mal was ganz außergewöhnliches: Kochen! Man will schon die Mikrowellenpasta ergreifen. „Nein…ich meine es ernst! Wir sehen nach, was im Kühlschrank ist – außer den Fertigprodukten – und das kochen wir!“ Ein atemberaubender Plan!

Ein weiterer, sehr beliebter Zeitpunkt, an dem wir Männer füreinander kochen: Nach einem Trinkgelage. Da wird man ja gerne leichtsinnig. Wundersamer Weise scheint es sogar zu schmecken. Aber mit besoffenen Kopf schmeckt ja eigentlich alles. Natürlich würden wir so was aber keiner Frau vorsetzen!!!

Ja. Ein interessanter Punkt, an dem wir uns hier befinden. Was bewegt den Mann eigentlich dazu, FÜR eine Frau zu kochen? Es mit der Meisterin dieses Fachgebiets aufzunehmen…?  Und uns ihrer Milde und Kritik auszusetzen? Und wie kann es sein, dass manche Männer sich derart selbst überschätzen, wie das Thema dieses Kapitels glauben machen möchte? Nun gut – Zeit für eine empirische Untersuchung.

 

Der Herd und ich

Beginnen will ich die Untersuchung beim nahe liegendsten: Mir selbst. Ich habe mich minutenlang schonungslos mit meinem eigenen Kochverhalten auseinandergesetzt. Und festgestellt: Viele Jahre lang gab es dieses gar nicht. Ja, ich hatte schon immer einen Herd. Weil sich das so gehört. Um nicht aufzufallen. Und keine unbequemen Fragen zu provozieren. Aber im Grunde haben wir uns die ganze Zeit nur angeschwiegen. Geduldet, aber keineswegs aufeinander zubewegt. (Wobei, ich bewegte mich schon deutlich mehr auf ihn zu als er sich auf mich). Eine gnadenlose Scheinehe in einem Single-Appartement haben wir geführt.

Eines Tages, ohne besonderen Grund, wachte ich auf und hatte Lust zu kochen. Ich kann es nicht erklären. So, als müsse ich mir etwas beweisen. Wie eine vorgezogene Midlife-Crisis. Wie groß muss die Irritation gewesen sein, als plötzlich der Geruch von angebranntem Brattfett aus meiner Wohnung zu vernehmen war? Wie ich meiner verschmähten Geliebten, der Herdplatte auf einmal einheizte? Ja, ich kochte eine zeitlang alles, was mir vor die Finger kam. Und ständig schaute ich Jamie Oliver. (Aber den kochte ich nicht.)

Dann hatte der Spuk Gottseidank ein Ende. Ich kam wieder zur Besinnung. Heute koche ich noch, wenn ich mal Lust habe. Das ist so etwa einmal im Jahr der Fall. Bei all meiner temporären Begeisterung glaube ich, meine Fähigkeit keineswegs zu überschätzen – jedenfalls nicht auf diesem Gebiet.

Mir hat es geschmeckt – manchmal. Aber ich würde nie behaupten, dass es anderen geschmeckt hat. Und wenn meine Gäste es beteuerten, freute ich mich aufrichtig darüber, keinen Lügendetektor zu besitzen. Um mich nicht selbst durch den Wolf der Selbstkritik zu drehen: Ich glaube jeder Mann hat so seine ein, zwei Kochhighlights, die er echt gut beherrscht. Und wenn es ein punktgenaues Frühstücksei ist. In meiner Familie die Domäne des Mannes! Nicht der Wahnsinn, aber man sollte es anerkennen.

Und auch ich habe meine lichten Gerichte, wie Lammkoteletts in Retsina-Sauce. (Ich sage ja immer: Mit Alkohol schmeckt eigentlich alles – quod erat demonstrandum. Vielleicht sollte ich noch einmal meine Idee der Ouzo-Suppe aufgreifen.) Aber ich kenne meine Grenzen. Ich erkenne das Revier der Frau an.

Doch was ist mit meinen Geschlechtgenossen? Bei meinen Untersuchungen, Recherchen und etlichen Interviews bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sehr unterschiedliche Kochtypen unter uns Männern gibt.

 

Der Arche-Typ

Nennen wir ihn einfach mal Manni. Beruf: Mechaniker. Oder von mir aus auch Verputzer. (Nein, hier lasse ich mich nicht zu einem Kalauer hinreißen.) Er versteht sich sehr wahrscheinlich darin, einen Herd anzuschließen. Um seine Gabi betriebsbereit zu machen. (Entschuldigung: Von mir aus auch Susi.) Würde ich fragen, ob er kocht, würde er mich wohl auslachen. „Wofür hab ich denn`ne Frau?“

Manni lebt die Geschlechtsrollen vor, wie die Bibel sie uns lehrt, abgesehen davon, dass Currywurstbuden darin keine Erwähnung fanden. Fernseh- und Sterneköchen hält er für Schwuchteln. (Anm. der Redaktion: Auch Schuhbeck?) (Anm. des Autors: Ja. Auch Schuhbeck. Ist eben eine sehr männliche Schwuchtel.)

 

Das Weichei

Er befindet sich in einer festen Beziehung und solidarisiert sich mit dem Weibe. Das Weichei beteuert, mitzukochen. „Ja wirklich! Ich schneide dann so ein Zeugs.“ (Zwiebeln, Anm. des Autors.) Er hält das also ernsthaft für kochen. Bedauernswert: Er ist gefangen als Handlanger in der Zwischenwelt von Schneidebrettchen und Kochtopf. Hätte nicht irgendjemand die Dönerbuden erfunden, wäre er zum Tode verurteilt, sollte sich die Frau von ihm trennen. Oder, was vielleicht noch schlimmer wäre: Zu einem Leben mit der Rohkost. Immerhin: Er kümmert sich rührend um die beziehungstechnische Harmonie.

 

Der Tüten-Aufreißer

Die diabolische Mischung der vorgenannten Typen. Sehr wahrscheinlich derjenige, dem ich diesen undankbaren Auftrag zu verdanken habe.

Er hat nur dies eine Ziel: Die Frau ins Bett zu kriegen – und später an den Herd. Er hat wohl schon einmal gebruzzelt, im Rahmen von Saufgelagen möglicherweise. Seine Geschmacksnerven sind degeneriert infolge allzu häufiger Burgershopbesuche. Und er ist ein Macho durch und durch.

Er ist ein Macher. Er wächst mit dem Selbstverständnis auf, ohne Hilfe durch`s Leben zu kommen. Ihm wurde von Kindheit an eingebläut, dass er mit beobachten und probieren jedes Rätsel ergründen kann. So verhält er sich auch beim kochen.

Wozu soll denn ein Rezeptbuch bitteschön gut sein? Ein Werk, das mutmaßlich eine Frau verfasst hat – und das irritierende und vom Wesentlichen ablenkende Begriffe enthält wie „blanchieren“, „reduzieren“, „passieren“ und gar „Garpunkt“. Wie schwer kann es wohl sein, mit ein paar Töpfen zu hantieren? Der Mann vertraut seiner Beobachtungsgabe und seinen Instinkten. „Ich nehm einfach ein paar von den Pülverchen – das hat meine Mutter auch schon immer so gemacht“ (gemeint sind Gewürze, nicht Heroin), „das hat immer super geschmeckt. Das krieg ich ja wohl auch hin.“

Und so balzt er sich durchs Leben. Und in eure Herzen, liebe Damen. Bis ihn jemand mit ein paar gepfefferten wahren Worten das Handwerk legt.

 

Was vom Garpunkt übrig blieb…

Ich glaube, wir merken an dieser Stelle wieder einmal: Auch wenn es vordergründig um die fachgerechte Zubereitung von Speisen geht – im Grunde ist das alles nur eine Form des Liebesspiels. Wie erfindungsreich ist doch Mutter Natur, wenn es um die Erhaltung der eigenen Spezies geht. Nicht umsonst gibt es so viele Kochshows. Die uns suggerieren: Mann kocht! Und Frauen mögen es, wenn Mann für sie kocht. Und sie sind oft gnädig in ihrem Urteil, weil sie spüren: Es geht um die Erhaltung unserer Gesellschaft. Folgenden Dialog stelle ich mir dabei vor:

Er: „Du, es war doch okay, dass ich für Dich gekocht habe, oder?“

Sie: „Ja klar!“

Er: „Fandest Du es schlimm, dass noch etwas Eierschale im Rührei war?“

Sie: „Nee, so schlimm war das nicht…kann man doch rauspiddeln!“

Er: „Hat es Dir denn geschmeckt?“

Sie (nachdenkend): „Joah.“

Er: „Aber dann haben wir uns Pizza bestellt.“

Sie: „Ja. Hatte noch Heißhunger.“

Ob wohl eine Frau die Pizza gemacht hat? Keine Ahnung. Gebracht hat sie zumindest ein Mann.

 

Stand-Gericht

Hm. Bei Stand-Gericht denke ich mal wieder an meine heiß geliebten Pommesstände. Der Gedanke an eine schöne Portion Acrylamid kurbelt meinen Speichelfluss an. Doch ich will versuchen, Disziplin zu wahren.

Hat dieses Kapitel nun wirklich Licht ins Dunkel gebracht? Wie immer kann man nur spekulieren. Vielleicht ist alles eine Verschwörung! Frau bedenke: Chef des Guide Michelin, zuständig für die Vergabe der Sterne, ist…ein Mann. Warum gibt es so überproportional viele männliche Sterneköche? Das muss ein Ende haben. Will sagen: Schuhbeck, ich weiß, wo dein Auto steht!

Glaub ich aber nicht wirklich dran. Mal losgelöst vom Thema ein versöhnlicher Abschluss: Essen kann sein wie guter Sex. Und wenn nicht das, dann zumindest ein schönes Vorspiel. Ganz egal, wer kocht.

 

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Ein Kommentar zu “Männer und ihre Selbstüberschätzung beim Kochen

  1. Viel Text ums Kochen. Habe jetzt Mittagspause und den Text mal durchgelesen übers Kochen. Nun ja, viele Worte, geringe Erkenntnis: Habe ich Hunger, muss ich was essen. Will ich was essen, muss ich was zu essen a) haben oder b) zubereiten. a) ist mir lieber, wenn a) nicht vorhanden, muss ich aktiv werden. Qualitätsaspekte sind zwar gedanklich vorhanden, aber zwecks Überlebens und Hungerstillung wird das eher niederprioritär behandelt.

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