Der Stuhlgang nach Canossa – was treibt der Mann am stillen Örtchen?


Live vom Ort des Geschehens: Uli Döring (Deckname: Der Urinator)

Frage: Ich frage mich gerade, warum Männer nicht zu zweit auf Toilette gehen? Haben sie gar nichts zu bequatschen? Ist es ihnen peinlich, nebeneinander am Pissoir zu stehen? Sprechen Männer beim Pinkeln oder sprechen sie nicht? Und wenn ja, worüber sprechen sie? Machen sich Gesprächspausen oder laute Betonungen beim Pinkeln bemerkbar? Pinkelt man dann stärker? Lässt sich der Strahl vom Sprechen beeinflussen? Was ist dran am viel gerühmten Penisneid?

Hm…das sind ja jede Menge Fragen auf einmal! Ach geh…es ist alles völlig anders…naja, vielleicht nicht völlig. Es ist wohl mal an der Zeit, mit ein paar Legenden rund um den Abort des Mannes abzurechnen und der Weiblichkeit Einblick in den Ort zu gewähren, wo Männer ihre Ausscheidungen lassen. Einlass gewähren sich die Damen ja oft genug selber (besonders zu Karneval und anderen Stoßzeiten). Scheinbar ist dem schönen Geschlecht so gut wie gar nichts peinlich.

Lüften 

…wir am besten gleich einmal das Geheimnis: Was treiben wir Männer auf dem stillen Örtchen? Erstaunlicherweise nutzen wir Männer den Toilettengang nicht zur wichtigen sozialen Interaktion. Irgendwie haben wir es scheinbar nie verstanden, welche Chancen die Toilette bietet. Man könnte sich mal so richtig schön anzicken oder offensiv Schwanzlängen vergleichen (bitte verzeihen sie das Wort. Ich werde versuchen, den Begriff „vergleichen“ nicht mehr zu verwenden). Oder auch Rekorde im Dauerpinkeln aufstellen. Vielleicht sind wir dafür einfach zu einfach gestrickt. Oder zu lösungsorientiert. Wir verplempern unsere wichtige Lebenszeit dort tatsächlich mit Nebensächlichkeiten wie dem Ausscheiden. Es tut mir leid, dass es so einfach ist. 

Enjoy 

Wir genießen den Moment der Ruhe und der Erleichterung, soweit uns dies möglich ist (darauf komme ich noch zu sprechen). Genießen es, alles, was uns wichtig ist, in der Hand zu haben und es einfach laufen zu lassen. Hier kann man in Ruhe seinen Allmachtsphantasien nachhängen. Oder was einen gerade sonst so durch den Kopf geht. Oder man führt wichtige Ausscheidungskämpfe aus, was für den Mann gleichfalls ein sehr beglückendes Erlebnis ist.

Jürgen würgen 

Aber quasseln wir Männer auf dem Lokus? Nein, eher nicht. Da es bei uns eher selten zur Schlangenbildung kommt, sind das Aggressionspotenzial und der Redebedarf eher begrenzt. Abgesehen von Betrunkenen oder ein rascher Austausch einiger netter oder klugscheißerischer Bemerkungen über das Fußballspiel, das vielleicht gerade läuft.

Über Frauen sprechen? Nein, bloß nicht. Wir Männer sind Taktiker, sind Schachspieler. Weshalb einen potenziellen Konkurrenten auf ein Weibchen aufmerksam machen, auf das man selber scharf ist?

Einer komischen Legende zufolge sollen Männer sich beim Pinkelbecken ja schon mal mit ihrem Pinkelorgan unterhalten. Zudem existiert scheinbar unter Teilen der weiblichen Bevölkerung das Gerücht, dass Männer ihrem Penis einen Namen geben. Hm.

Liebe Frauen. Bitte worüber sollten wir denn mit unserem Ausscheidungsorgan Nummer eins reden? Glauben sie ernsthaft, dass der Kerl ein guter Unterhalter ist? Dass man mit ihm über das Spiel diskutieren kann – oder eine Frau, die man vorhin bemerkt hat? Der sieht doch die meiste Zeit überhaupt nichts! Der hat auch null Erfahrungen in Sachen Herzschmerz – ganz zu schweigen von Interesse an politischen Entwicklungen. Und auf Anmachtipps, die er geben würde, sollte man lieber nicht bauen. Das würde in die Hose gehen.

Wenn ER etwas sagen könnte, dann wahrscheinlich: „Luft, Luft! Danke, dass Du mich rauslässt! Oh nein…bitte nicht würgen! Und nicht schütteln…mir wird schlecht!!!“

Und ihm einen Namen geben. Wozu? Klar, das würde mir bei diesem Text helfen…ich müsste mir nicht andauernd jugendfreie Begriffe für das Geschlechtsorgan ausdenken. Aber wofür sollte das im echten Leben gut und/oder nützlich sein? Und vor allem: Bitte, wofür haltet ihr uns? Wer sind wir für euch Damen??? Totale Idioten???

Glauben Sie mir: Das ist eine Erfindung von Hollywood. Vielleicht steckt auch der CIA dahinter. Oder Alice Schwarzer. Oder Dieter Bohlen. (Hm. Letzterer ist sehr wahrscheinlich die Ursache für das Gerücht. An dieser Stelle sage ich: Vielen Dank!)

Aber stellen Sie sich dann mal vor, welche Dialoge auf der Herrentoilette geführt würden.

„Das machste gut, Horsti. Immer raus damit!“

„Ich hab Dich ganz schön im Griff, was? Jetzt sei aber ein braver Junge, Hannes!“

„Jetzt bringen wir das Geschäft zum Abschluss, Mr. Steelhammer! Ja, kotz dich richtig aus!“

„Du kannst aber schön winken, Detlev! Schau mal, die anderen gucken schon!“

Damit habe ich meine Phantasie und Ihr Durchhaltevermögen wahrscheinlich zu Genüge beansprucht. Wenn ein Mann beim Pinkeln mit seinem DINGS spricht und ihn auch noch mit Namen anspricht, ist es wahrscheinlich ein Verhaltensgestörter. Oder Dieter Bohlen. Wir Männer nehmen den Begriff des „stillen Örtchens“ eben noch ernst. Abgesehen von machen der schon erwähnten Ausscheidungskämpfe. Da kann es schon mal lauter zugehen,

Übrigens: Der Strahl lässt sich ebenfalls nicht durch Intonation oder Lautstärke beeinflussen. Das ist mir vor der Fragestellung auch nie in den Sinn gekommen. Aber ich habe es natürlich direkt mal zu Hause ausprobiert, indem ich beim pissen „Nessum dorma“ geschmettert habe. Das muss IHN allerdings eher eingeschüchtert haben.

Penisneid 

Das ist ja ein sehr beliebtes Thema: Der vielbeschriebene Penisneid. Gerade unter Psychologen, denke ich mir. Kann es sein, dass eine Frau den Begriff geprägt hat? Was die Praxis angeht, kann ich folgendes dazu sagen: Neidisch zu sein brauchen wir Männer da nicht. Wozu auch? Wir haben doch einen. Passt doch. Sollten nicht eher Frauen neidisch sein? Entweder auf Gemächte in einer Dimension, die sie bisher aus dem Schlafzimmer nicht kannten – oder aufgrund des Umstandes, dass sie keinen eigenen besitzen. Wobei ich das auch nicht als elementaren Nachteil ansehe. So toll ist das auch nicht. Der Kerl kann einen schon mal in ganz schön unangenehme Situationen bringen kann. Ich sag nur: Morgenlatte.

Neidisch sind wir da schon eher auf ganz andere Dinge. Wie auf ein besonderes Smartphone. Auf ganz hässliche Typen, die eine ganz tolle Freundin haben. (Oder ist es ein bezahltes Date?) Oder, wenn einer immer kann, wenn er auch muss. Das ist nämlich nicht immer selbstverständlich.

Panuresis: Nicht können können, obwohl man muss 

Mal Zeit für etwas Ernstes, garniert mit einem Hauch Wissenschaft. Das Männerklo unterscheidet sich von der Damentoilette ja in einem Punkt elementar (nein, gerade meine ich nicht die Schlangenbildung). Man steht Seite an Seite und erledigt die Dinge sozusagen in aller Öffentlichkeit.

Für die meisten ist das ganz normal. Man ist ja mit sich selbst beschäftigt. Und obwohl das so ist, gibt es Männer, die ein riesiges Problem damit haben. Immerhin könnte der – naja, nennen wir ihn mal Pissnachbar – nichts Besseres zu tun haben, als rüberschielen, zufrieden zu grunzen, noch mal zu schauen, zu schmunzeln und nach kurzer Zeit in schallendes Gelächter auszubrechen. Vermutlich erzählt er der ganzen Kneipe von seinem Pinkelnachbarn, twittert es und stellt ein paar Fotos bei Facebook ein.

Natürlich geschieht das nicht wirklich. Naja, stünde Dieter Bohlen am Pissoir neben mir, würde das schon wirklich geschehen. Aber in allen anderen Fällen findet das nur im Kopf statt. Und zwar im Kopf der Männer, die an Panuresis leiden: Der Scham davor, sich in der erzwungenen Öffentlichkeit zu entleeren. Und hier hilft es leider gar nicht, sich die anderen Klobesucher nackt vorzustellen. Im Gegenteil: Das wäre wohl eher kontraproduktiv.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, es kann unangenehm sein, nebeneinander seinem Geschäft nachzugehen. Für Euch Panuresianer: Es kann helfen, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als die vermeintlichen Reaktionen eures Nachbarn. Zum Beispiel auf folgendes:

Zielübungen 

Männer gehen ihr Geschäft gerne spielerisch an. Wir stehen total darauf, wenn wir beim Pinkeln gefordert werden und z. B. eine im Pissoir aufgedruckte Fliege treffen müssen. Noch besser ist natürlich ein kleines Tipp-Kick-Tor, das im Becken aufgestellt ist. Mensch, wenn ich das beim Pinkeln schaffe, muss dass der Mario Gomez doch erst recht schaffen! Das macht doch so viel Spaß!

An dieser Stelle frage ich mich, weshalb so viele Frauen von uns verlangen, im Sitzen zu strullern und so unsere Anatomie zu negieren. Eine repräsentative Umfrage führte zu folgender Antwort:

„Habt ihr Männer schon einmal das Klo geputzt?“

Mein erster Gedanke war, glaube ich: Das kann/muss man putzen? Meine Erwiderung war indes: „Nein. Aber habt ihr schon mal das Abflussrohr ausgetauscht?“ Nicht, dass ich das schon einmal getan hätte. Der Hinweis passt an dieser Stelle nur sehr gut.

Genauere Recherchen ergaben, dass das Problem im ungenauen Zielen der männlichen Toilettenbenutzer zu liegen scheint. Auch abgefälschte Urinspitzer stellen dem Anschein nach ein Ärgernis dar. Ich verstehe. Dabei ist die Lösung so einfach.

Stellt einfach kleine Tore in der Toilette auf, liebe Frauen. So bewahrt Ihr unseren Stolz und – was noch wichtiger ist – unsere tiefe Zuneigung zu Euch! Wirklich: Wir wollen Euch das Toilettenputzen nicht unangenehmer machen, als unbedingt notwenig. Ich gebe aber zu, noch mal darüber nachdenken zu müssen, wie sich das Tipp-Kick-Tor mit dringendem Stuhlgang verträgt.

Mit wem hast Du eigentlich gesessen? 

Es wurden noch weitere weibliche Fragen rund um den Klobesuch des Mannes an mich herangetragen. Fragen, die scheinbar brennend interessieren. Allerdings weiß ich nicht, ob sie repräsentativ sind.

„Haben Männer eigentlich auch richtige Klos auf denen man sitzen kann?“ und „Gibt es (auf dem Planeten Herrentoilette) eigentlich Klopapier?“

Über diese Fragen war ich gleichermaßen entzückt wie verwirrt. Über den Ursprung dieser Gedanken kann ich nur spekulieren. Die erste der Fragen beruht möglicherweise auf der Neigung des Mannes, gerne im Stehen zu schiffen, obwohl er es sich auch schön bequem machen könnte. Offensichtlich gehört die junge Dame nicht zu jenen Geschlechtsgenossinnen, die gerne das männliche Klo mitbenutzen, weil es zu Stauungen auf der Damentoilette kommt. Das könnte die Frage vielleicht schon beantworten. Würden Frauen den Besuch auf männlichen Toiletten wohl in Erwägung ziehen, wenn es keine Sitztoiletten dort gäbe?

Ich fände die Vorstellung irgendwie interessant und würde es beinahe gerne mal auf einen Versuch ankommen lassen. Das würde den Umstand der weiblichen Klomitbenutzung eindeutig aufwerten. Allerdings frage ich mich doch ernsthaft, ob die Fragestellerin darüber nachgedacht hat, wie wir große Geschäfte abwickeln. Sitzen wir im Pissbecken? Oder kacken wir in die Ecke? Womöglich im Stehen, weil wir das doch so gut können? Ich bezweifle irgendwie, dass die Frage gut durchdacht war. Um sie dennoch einer Antwort zu würdigen: Ja, wir haben auch echte Toiletten, auf denen man sitzen kann. Sie sind sehr klein und erinnern ein wenig an Gefängniszellen, auch was die spärliche Ausstattung angeht.

Was mich zur Frage nach dem Klopapier bringt. Nein, es gibt bei Männern kein Klopapier. Diejenigen, die es mit der Hygiene so übergenau nehmen, müssen sich den Hintern mit den Blättern einer der Hanfpflanzen abwischen, die zur üblichen Ausstattung auf Herrentoiletten gehören. Oder einen Baum fällen um Papier zu gewinnen. Das ist sehr wahrscheinlich auch eine der Ursachen des fortschreitenden Waldsterbens. Die fatale Fehleinschätzung der Toilettenpapierindustrie/Gastronomiebranche, was den männlichen Stuhldrang betrifft.

 

Körbe für den Wasserhahn 

Zu guter letzt noch eine wohl unvermeidliche Frage: „Waschen sich Männer eigentlich die Hände?“ Naja. Wenn sie an dem Abend noch eine OP durchführen müssen, wahrscheinlich schon. Das wäre zumindest wünschenswert.

Ehrlich gesagt kann ich da nicht für alle Geschlechtsgenossen sprechen. Zumindest existiert auf vielen Herrentoiletten eine Möglichkeit, sich die Handflächen zu reinigen. Oftmals in Form von gut sichtbaren Waschbecken, die meiner Erfahrung nach nur recht selten zum Stuhlgang zweckentfremdet werden. Oder in Form einer funktionierenden Spülung. Ich persönlich halte es schon so, mir die Hände zu waschen und räume diesem, von der Gesellschaft verlangtem, Ritual eine angemessene Zeit ein. Das sind so etwa 3,5 Sekunden. Oftmals ist es leider so, dass während des Toilettenbesuchs ein wichtiges Fußballspiel läuft – in diesen Fällen ist der Klobesuch ein einfach notwendiges Übel, das striktes Zeitmanagement erfordert. Speziell dem Händewaschen kann nicht so viel Platz eingeräumt werden, wenn sich auf dem selbigen etwas tun könnte.

Allerdings vermute ich auch, dass es eine größere Macht gibt, die uns Männern die Hygiene austreiben wollen. Jedenfalls erwecken die vielfältigen, aber nicht immer zweckdienlichen Möglichkeiten der Händetrocknung diesen Eindruck bei mir. Leere Behälter für Papierhandtücher, Luftgebläse, die zu einem rund 40minütigen Verbleib einladen und solche, die spontan Kastrationsängste auslösen sind Prüfungen, die unterschiedliche Etablissements für uns bereit halten. Hm. Sie fragen sich angesichts der letztgenannten Prüfung, welches Körperteil ich für gewöhnlich trockne? Das ist berechtigt – ich frage es mich soeben auch. Und versichere: Es sind die Hände. Ich sag einfach mal: Die männliche Psyche ist unergründlich. Und meine Phantasie erst. Ich glaube, ich brauche professionelle Hilfe.

Die braucht aber auch die Industrie für Hände-Abtrocknungsautomaten-für-Kneipen. Ich persönlich liebe die Automaten mit Sensor. So wird nicht nur der Klogang, sondern auch unwillig durchgeführte Rituale zu einem Erlebnis, das Spaß, Technik und relative Keimfreiheit vereint.

Das war das kleine FAQ rund um die Klo-Habits der Männchen. Wie immer bin ich fasziniert, welche Fragen sich in den weiblichen Köpfen so auftun. Und ich bin froh darüber, ein wenig zum besseren gegenseitigen Verstehen beitragen zu können. Wer weiß: Vielleicht baut man mir dafür mal eine kleine Statue aus zerknülltem Toilettenpapier (hoffentlich unbenutzt) in einer Damentoilette. Ich werde sie mir ganz bestimmt ansehen. Wenn ich bis dahin etwas dafür tun kann, damit Sie Männertoiletten nicht mitbenutzen – lassen Sie es mich wissen.

P.S.: Das mit dem Klopapier war übrigens ein Witz. Und ich bin echt glücklich, mal einen Text mit PS schreiben zu können. Schätze mal, damit kann ich ganz neue Zielgruppen ansprechen. Sie wissen schon: Die mit den Zielübungen.

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