Selbst ist die Frau 


by Claudia Behr

Gedanken zu einem unvorhergesehenen aber unvermeidlichen Paradigmenwechsel: Immer mehr Frauen widmen sich einer ehemals typisch männlichen Domäne: Handwerkliche Frickelarbeiten und Co. Wie ist die Frau, die in den alten Werbespots dem durch hartes Wasser verursachten Lochfraß noch mehr oder weniger hilflos gegenüberstand, zum „goldenen Handwerk“ in den eigenen vier Wänden gekommen?

War es klug von ihr, das urtypisch Männliche – Glühbirnen einschrauben, Waschmaschinen anschließen, Leitungen erden, einen Dübel in die Wand bohren – einfach über den Haufen zu werfen und plötzlich ohne Hilfe ihren Mann stehen zu wollen? Was hat sie dazu gebracht und was sie gezwungen, sich handwerklich selbst zu betätigen, ganz gleich wie begabt oder unbegabt sie ist?

Es ist doch ganz klar: Immer mehr Männer weigern sich, handwerklich tätig zu werden. Ja, sie fühlen sich sogar ausgenutzt, wenn Frau sie bittet, ihr zu helfen. Schreckliches und Gemeines wissen sie über ihre Ex zu berichten, die sie nach dem Streichen und anschließenden Bohren eiskalt abserviert hat. Oder der neue Nachbar ihnen die Frau ausgespannt hat, obwohl er KEINERLEI handwerkliche Begabung vorweisen konnte und sie nun erst einmal diese traumatische Erfahrung verarbeiten müssten, bevor sie bereit wären, einen Schraubendreher oder einen Hammer auch nur anzuschauen. Ist es da ein Wunder, das Frau nun absolut heiliges männliches Terrain betritt?

Ein Beispiel. Spezies selbstständige Singlefrau ohne männlichen handwerklich begabten Freund, mit handwerklich traumatisch verkümmerten oder mit handwerklich begabten Freunden, die Hunderte von Kilometern entfernt sind. Aufgrund dieser verkümmerten Handwerkerumgebung bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich selbst zur Selbstmade-WoMan zu ernennen. Da helfen auch die zwei schwulen Nachbarn nichts, die immer wieder begeistert bewundern, was Frau an Werkzeug vorweisen kann. In der Tat: Es gibt eine Bohrmaschine, spezielle Wanddübel, diverse Schraubenzieher und Hammer, mehrere Zangen, zahlreiche Schrauben, Nägel, ein Teppichmesser, eine Wasserwaage (!!!) und einen Schleifstein.

Sicherlich versucht Frau sonst alle nervigen Arbeiten im Haushalt zu vermeiden und nur im alleräußersten Notfall greift sie zum Bohrer oder zum Hammer.

Doch wenn sie sich einmal dazu entschlossen hat, dann kann sie auch nichts mehr aufhalten. Da stören die frisch lackierten Fingernägel und der zu lange Rock oder die Tatsache, dass sich im gesamten Haushalt nur Dreh- oder Klappstühle befinden, überhaupt nicht. Nein, im Gegenteil: NICHTS, aber auch gar nichts wird sie aufhalten, bis das Bild endlich an der Wand hängt. In ihrem Kalender hat sie sich den Sonntag, 13 Uhr, rot als „Werktag“ markiert.

Ausgerüstet mit Wasserwaage, Nagel und Hammer klettert Frau wagemutig mit ihrem langen Rock und den frisch lackierten Fingernägeln auf den Drehstuhl und versucht, die perfekte Position für das schöne Bild zu finden. Sie dreht und dreht sich, hängt mit einer Hand an der Wand, während sie versucht, mit der anderen den zu langen Rock etwas zu raffen, da er doch etwas stört. Nun hat sie aber keine Hand mehr frei, um die perfekte Bildposition zu finden. Deshalb rafft sie den Rock noch etwas höher zusammen und steckt ihn schließlich in die Strumpfhose. Sieht nicht elegant aus, ist aber ganz praktisch. Und da kein männliches Wesen im Haus ist, ist dieses unattraktive Aussehen doch ganz egal. Was scheren einen die Nachbarn von gegenüber, die konzentriert am Fenster hängen?

Frau von Welt lässt sich nichts anmerken und balanciert trotz kippligem Stand das Bild gleichmäßig mit der Wasserwaage aus. Zu blöd nur, dass sie selbst nicht sehen kann, ob das Bild ein Stückchen weiter oben besser zur Geltung käme. Oder ob die Kombination von zwei Bildern in L-Form oder auch in umgekehrter L-Form vielleicht doch besser wirken würde.

Da sie mit einer Hand die Wasserwaage und mit der anderen Hand das Bild hält, fällt es ihr zusehends schwerer die Balance zu halten, geschweige denn die Nägel, die sie in vorausschauender Weise zwischen die Lippen gesteckt hat, zu nehmen und in die Wand zu schlagen. Und überhaupt? Wo ist eigentlich der Hammer? Mühsam dreht und windet sie sich, um das zweitwichtigste Utensil beim Nagelschlag zu finden und stutzt, als ihr einfällt, dass sie den Hammer noch gar nicht aus der Werkzeugkiste geholt hat. Also alles wieder auf Anfang: Bild runter, Nägel aus dem Mund, leichter Fall mit angetäuschter Judorolle vom kippligen Stuhl und ab zur Werkzeugkiste. Einzig der Rock darf in der Strumpfhose steckenbleiben.

Ist der Hammer gefunden, geht das Spiel von vorn los: Nägel (besser zwei als einen) zwischen die Lippen, Hammer und Wasserwaage in den Pulloverausschnitt stecken, kippligen Stuhl ausbalancieren, mit einer Hand runterhangeln, um das Bild unter die Arme zu klemmen.

Während Frau von Welt in eleganter Weise die Bildposition bestimmt, mit der Wasserwaage die exakte Linie festlegt, den Nagel anlegt und gerade den Hammer für den letzten Schlag aus ihrem Ausschnitt hervorzaubert, klingelt das Telefon.

Jauchzend springt sie auf, lässt Bild, Nägel und Hammer fallen und stürzt zum Telefon, um die nächsten Stunden ausgiebig zu quatschen. Solange ist die leere, weiße Wand auch ganz schön. Auch wenn es keine weiße Wand mehr ist. Denn die roten frisch lackierten Fingernägel haben doch gewaltige Spuren hinterlassen. Zu dumm, dass die Frau telefoniert. Frühzeitig erkannt, hätte sie den roten Lack bestimmt entfernen können.

Nach dem Gespräch ist das Bild vergessen und der Ganzkörperspiegel ist dran. Er wiederum sollte schnell und konzentriert aufgehängt werden. Denn wir wissen: angelehnte Spiegel befinden sich in einer Schräglage und diese fördert ein Gefühl von Unförmigkeit, wenn man genau hinschaut.

Wie ironisch ist aber die Tatsache, dass ausgerechnet dieser Spiegel keinen Haken hat. Im sprichwörtlichen Sinn wäre man ja froh, wenn die Sache keinerlei Haken hätte, aber jetzt hier in der praktischen Ausführung wäre ein Haken, wenn auch noch so winzig, ein Geschenk des Himmels.

Nun gut, kann man machen nix, muss der Spiegel auch ohne Haken hängen lernen. Nichts leichter als das: Spiegel an die Wand gelehnt, mit Bleistift die obere und untere Seite zur Anbringung markiert. Doch halt! Der Spiegel hinge in dieser Position zu tief. Er sollte also etwas höher angebracht werden. Blöd nur, dass kein Zollstock zum Ausmessen in der Nähe ist.

Was nun? Mit einem 20cm-Lineal die Abstände bemessen? Ein Stück Faden nehmen und mit der Wasserwaage die exakten Winkel festlegen? Pi mal Daumen die korrekten Maße anpeilen? Frau entscheidet sich für Letzteres, da sie schon so weit vorangeschritten ist und sich auch kein vernünftig langer Faden im Haushalt befindet. Allerdings hat sie auf ihrer Suche eine Art gefederte Halterung gefunden, mit der sich der Spiegel nun doch befestigen lässt.

Der Spiegel wird gegen die Wand gedrückt, der Bleistift fräst sich in die Tapete, mit der einen Hand stützt sie den Spiegel, mit der anderen hangelt sie sich nach unten, um auch dort die richtigen Punkte zu setzen. Geschafft! Spiegel zur Seite und nun die Bohrmaschine ansetzen. Aber wie ist der Abstand der gefederten Halterungen? Er müsste etwas höher aber auch nicht zu hoch sein, denn zuviel Spannung hält das Spiegelglas nicht aus. Trotzdem wird gebohrt und der Dübel in die Wand geschraubt. Siehe da: der Spiegel passt. Oben.

Unten passt er leider nicht. Das Glas spannt. Neues Loch, neues Glück. Pi mal Daumen angepeilt, Loch gebohrt, Dübel rein.
Unten passts.
Oben nicht.
Neues Loch, neues Glück.
Achtung Stromleitung.

Neuer Versuch: Diesmal wird diagonal, oben und unten einseitig, gebohrt. Hauptsache, der Spiegel spannt nicht so. Der Spiegel passt, hängt aber leicht schief in der Verankerung. Geduld ist nicht immer jederfraus Sache. Kurzerhand bohrt sie ein zwei weitere Löcher in Schräglage, tariert damit den Schiefstand aus, setzt den Spiegel ein und fertig!

Er hält, er sitzt und er hat Luft. Dass der Spiegel nun einen leicht schiefen Stand hat und etwas das Bild verzerrt, macht überhaupt nichts. Denn schließlich zerrt er in die Länge und nicht in die Breite.

Nach diesem grandiosen handwerklichen Erfolg gibt es nur eine einzige, klitzekleine Randbemerkung, die Frau einen leichten Stich versetzen könnte und sie eventuell darüber nachdenken würde, warum sie das Anbringen nicht doch einem Mann überlassen hat: Wenn Mann fragen würde: „Warum hast du denn den Spiegel denn ausgerechnet dort angebracht?“

Tipp an die Männerwelt: Besser nicht fragen.

Advertisements

2 Kommentare zu “Selbst ist die Frau 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s