Männer und ihre Taschen


Frage: Warum haben Männer keine Handtaschen?

Lehrreiche Einblicke in die männliche Tasche. Von  Uli Döring

In der Welt des Mannes hat die Handtasche offenbar keinen Platz. Die Evolution scheint uns zu lehren, dass diese Paarung einfach nicht funktioniert.

Hm. Wenn ich darüber nachdenke, schreit die Evolution uns auch unentwegt ins Gesicht, dass die Paarung Männer und Frauen nicht zusammenpasst.

Wobei streng genommen die Zivilisation die Ursache hierfür zu sein scheint. Diese Paarung hatte in der Tat einmal gepasst – in jenen goldenen Zeiten, in denen die Geschlechterrollen klar verteilt waren und der Begriff „Zweckbeziehung“ noch etwas zählte. (Hach, ich mach mich wieder beliebt.) Dann lernte der Mensch, seine Bedürfnisse zu artikulieren, darüber zu diskutieren und die Frau erkannte, dass sie über Waffen verfügte, die selbst den härtesten männlichen Zeitgenossen niederstrecken konnte.

Na gut. Der Vergleich hinkt. Glücklicherweise kann eine Handtasche nicht mit einem Beischlafboykott drohen. Aber: Warum findet der heterosexuelle Mann mit der Handtasche einfach nicht zusammen?

Geschichtsrückblick

Seit jeher ist der Mann der pragmatische Ernährer. Was er anschleppte, war in der Regel groß und nahrhaft oder sonst wie nützlich. Und wenn er tatsächlich mal etwas fand, das klein und dennoch nützlich war, steckte er es sich kurzerhand in den Lendenschurz.

Auch wenn in der heutigen Zeit verhältnismäßig selten Männer mir erlegtem Rotwild über den Schultern durch die Stadt laufen, hat sich das im Großen und Ganzen nicht geändert: Die Taschenfrage nimmt der Mann auf die leichte, aber muskelbepackte Schulter: Entweder benutzt er schwere Rucksäcke, die gerne auch über kleine Taschen für etliche überlebenswichtigen Utensilien verfügen dürfen, oder er trägt das, was er braucht, gleich am Körper. Der Mann scheint zu glauben, dass sich alles, was für ihn wichtig ist, sich in seiner Hose befinden sollte.

Beides macht bereits deshalb Sinn, weil es die Kriminalitätsstatistik positiv beeinflusst. Wie häufig hört man von Handtaschendiebstählen? Und wie selten ist im Vergleich von Rucksack- oder Hosendiebstählen die Rede? Doch es macht natürlich auch in anderer Hinsicht Sinn.

Was wir zum Überleben brauchen

Betrachten wir doch mal, welche Dinge der Mann durch die Weltgeschichte befördert. Da sind einmal besagte kleine Dinge: Schlüssel, Handy (neben der praktischen Eignung als Kommunikations- und Zerstreuungsinstrument auch unerlässlich als Statussymbol, sozusagen zum metaphorischen Schwanzlängenvergleich), Portemonnaie samt Personalausweis und optional Kondomen, je nach sozialer Herkunft Klappmesser oder Handfeuerwaffe, Zigaretten und gegebenenfalls Tempotaschentücher.

Letzteres rationalisieren einige männliche Lebensformen weg, in dem sie Nasensekrete und potentiellen Auswurf durch die Gegend spucken, ihn geräuschvoll an den Ort seiner Entstehung zurückbeordern oder schlicht und ergreifend tapfer herunterschlucken.

All diese Dinge passen schon irgendwie in die Taschen, die die Modedesigner bestimmt nicht ohne Grund an Hosen und Jacken angebracht haben. Auch wenn dies manchmal zu Lasten der Optik gehen kann. Aber was soll`s. Krumme Zigaretten schmecken doch genauso wie fabrikneue. Und Beulen in der Hose findet der Mann sowieso ganz große Klasse.

Groß musses sein

Wäre der Mann eine Frau, würde er vielleicht Dinge wie einen Rasierapparat, Kosmetikspiegel, Nasenhaarschneider, Deodorant und ein wenig Zahnseide mit sich führen. Unnötig zu erwähnen dass diese Dinge einem Subjekt, das in oben beschriebener Form mit dem Produkt der Nasenhöhlen umgeht, nicht in die Tüte kommen. Der Mann hat sein Badezimmer in seiner Wohnung. Nicht in der Tasche.

Da denkt der Mann schon eher an die eingangs erwähnten großen Dinge: Bierflaschen, Chipstüten, Motorsport- oder Fußballzeitschriften, vielleicht noch Laptop. Die meisten dieser Dinge haben in einer herkömmlichen Damenhandtasche gar keinen Platz. Am ehesten noch die Bierflasche. Aber – und hier kommt wieder der Pragmatiker ins Spiel – warum sollte ich eine Tasche benutzen, in der eine Flasche Platz hat, wenn ich auch eine benutzen kann, in der neun Flaschen passen und über ausreichend starke Schultern verfüge, diese auch zu schleppen. Und wie das Ganze aussieht, ist mir doch egal – spätestens, wenn ich besoffen bin. Ja, hier denkt der Mann in größeren Dimensionen. Am liebsten würden viele ohnehin die ganze Welt in die Tasche stecken.

In der Welt des Mannes ist einfach kein Platz für Zwischengrößen und Täschlein voller Krimskrams, in denen man stundenlang herumwühlen muss, bis man das Gesuchte findet. Stellen sie sich vor, welche psychologische Wirkung eine Armee hätte, die mit Handtaschen in ein fremdes Land einmarschiert. „Hach, ich kann die Handgranate nicht finden. Vorhin war sie doch noch da!“ Wobei, jetzt, wo ich es mir selbst vorstelle, kann ich der Situation zumindest eine humoristisch-pazifistische Wirkung abgewinnen. Aber: Wozu sollte eine solche Armee gut sein?

Nunja…vielleicht könnten Kriege so zu einem modisch hochwertigen Ereignis werden. Das könnte ganz neue Zielgruppen erschließen. Oder erschießen. Wenn man die Waffe findet.

Gib der Optik keine Chance

Leider hat der Mann offenbar nie begriffen, die Tasche als modische Erweiterung seines äußeren Erscheinungsbildes anzusehen. Das Ding muss aufgehen, es muss was reinpassen und sich wieder verschließen lassen. Über Generationen hinweg wurde dem Mann von Gesellschaft und kollektivem Unterbewusstsein eingebläut, dass er sich um solche nebensächlichen Dinge wie „Überleben“ und „Erhaltung der Gene“ zu kümmern hat. Ist doch egal, wie`s aussieht. Hätte man den Mann ermuntert, der Ästhetik ein wenig mehr Raum in seinem auf Arterhaltung ausgelegtem Leben zu geben, würden wir vielleicht auch nicht meinen, dass dem Mann Handtaschen einfach nicht stehen. Wir glauben es einfach, weil unsere Sehgewohnheiten es so haben wollen.

Wenn wir schon von modischen Transportmitteln in der Welt des Mannes sprechen: Dafür hat Gott ihm das Automobil gegeben. Damit transportiert er ein Accessoire, das ihm wirklich wichtig ist: Sich selbst.

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